Controlling als ständige Hypothesenprüfung: Was Unternehmen von der Wissenschaft lernen und warum Ihr Controlling ein Erkenntnisprozess ist.

Wir beschäftigen uns intensiv mit einer neuen Reihe „Das 1×1 des Controlling“. Dabei versuchen wir natürlich, Kompliziertes einfach und für Unternehmer direkt nutzbares Wissen herunter zu brechen. Dieser Artikel erklärt die Logik hinter dem Controlling auf der übergeordneten Meta-Ebene. Dabei verwendet der Artikel philosophische Gedanken und leitet daraus praktische Notwendigkeiten ab. Wie kann ich richtiges Controlling betreiben und wie funktioniert dieses Prinzip in der Wissenschaft?“

Peter Saubert

Unternehmensberater

YouTube thumbnailYouTube icon

Wie stellen sie sich einen Controller vor – Zahlen-Nerd in Anzug und Krawatte? Controller gibt es aber überall. Ein Kapitän steuert und regelt, ob das Schiff vom Kurs abgekommen ist oder auf Kurs bleibt. Vor der Erfindung des Kompasses fuhren Schiffe nur nah am Land und korrigierten Nachts immer ihre Richtung an den Sternen. Mit der Erfindung des Kompasses konnten Kapitäne andauernd ihre Richtung überprüfen und auch über das freie Meer fahren. Ein Kapitän ist, wie ein Autofahrer oder ein Unternehmer, ein Controller.

Kompass

Je besser ihr Controlling und ihre Anpassungsfähigkeit ist, desto eher können sie Risiken eingehen. So ist es keine gute Idee einen Kredit aufzunehmen, um am Roulette-Tisch alles auf rot zu setzen. Im Zweifel können sie ihre Entscheidung nämlich nicht korrigieren – Sie ist irreparabel. Das Geld ist wahrscheinlich weg. Für ein Unternehmen kann das Aufnehmen eines Kredits aber eine sehr sinnvolle Entscheidung sein.

Auch in der Wissenschaft gibt es das Controlling. Wissenschaft ist das Aufstellen von Hypothesen, die falsifiziert werden. (Karl Popper) Das Aufstellen einer Hypothese ist die Modellierung. Falsifizieren bedeutet: Die Modellierung wird gegen die Praxis auf Fehler getestet. Das bedeutet: Wenn sie eine These in der Wissenschaft aufstellen, dann prüfen sie diese in der nächsten Instanz mit Empirie. Empirie beschreibt das Erfahrungswissen aus Experimenten oder Beobachtungen. Das heißt, es wird geprüft: Gibt es Soll-Ist-Abweichungen zwischen der Vorhersage des Modells und der tatsächlichen Beobachtung.

Diesen Prozess nennt man Deduktion. Das heißt, der Wissenschaftler schließt vom Allgemeinen auf das Spezielle und testet dann seine Annahmen. Sollten sich die Thesen durch die Empirie widerlegen, versucht der Wissenschaftler eine neue These. Die neue These wird in der Regel durch die bestehende Empirie gebildet. Dieser Schluss vom Speziellen auf das Allgemeine nennt man Induktion. Es ist die idealtypische Wissenschaft, wie Sie Karl Popper formuliert hat.

Noch einmal einfach formuliert: Der wissenschaftliche Prozess funktioniert wie das Steuern eines Unternehmens oder eines Autos. Es gibt eine Planung. Dann wird geprüft, ob die Planung gestimmt hat und das Modell wird so angepasst, dass in Zukunft die Soll-Ist-Abweichung möglichst klein wird.

Sherlock Holmes Denkmal

Vielleicht kennen sie das Deduzieren von Sherlock Holmes, welcher aus seinen Beobachtungen Thesen formuliert, die er benutzt um als Detektiv Kriminalfälle zu lösen.

Dieser Prozess des Wissensgewinn ist eine Endlosschleife, der erst endet, wenn keine Empirie mehr gefunden wird, die die Theorie widerlegt. Da sich die Welt aber ständig ändert, wird es immer wieder Wissensgewinn geben können.

Auch der Managementprozess in ihrem Unternehmen ist im Idealfall eine Endlosschleife. Auch wenn es unterschiedliche Ausführungen des Managementkreislaufes gibt besteht er in der Regel aus den folgenden Bausteinen: Analyse, Planung, Implementierung und Controlling. Betrachtet man die einzelnen Phasen genauer, dann sieht man die Muster der Wissenschaft. Es werden andauernd Hypothesen formuliert, die mithilfe der Empirie überprüft werden.

Dieses ständige aufstellen von überprüfbaren Hypothesen und deren Überprüfung brauchen sie immer in der Planung bei Unsicherheit. Es stellt das Vorgehen in der Suche nach der Wahrheit dar. Die Wahrheit im Controlling ist das richtige Verständnis Ihres Geschäftsmodells und des Marktes.

Die Frage nach der absoluten Wahrheit beschäftigte die Philosophie schon seit ihren Anfängen. So stellte Descartes fest, dass man seinen Sinnen nicht vertrauen kann. Und tatsächlich hat sich jeder schon einmal geirrt. Und es ist keine Seltenheit, dass Unternehmen scheitern, obwohl die Zahlen scheinbar gut aussahen. Die Empirie ist also unvollständig. Ich kann niemals alles über den Markt und mein Unternehmen wissen. Wenn Sie glauben, Sie wüssten alles, sind Sie wahrscheinlich akut insolvenzgefährdet.

Descartes geht auf der Suche nach der absoluten Wahrheit weiter: „Das einzige woran ich nicht zweifeln kann, ist der Zweifel selber.“ Daraus entsteht das berühmte Zitat:

„Ich denke, also bin ich.“ (Cogito, ergo sum)

René Descartes

französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler

Die Idee, dass die Vernunft der einzige Ursprung der wahren Erkenntnis ist, nennt man Rationalismus. Dieser Rationalismus kommt deduktiv zur Erkenntnis – Der Rationalismus schließt vom Allgemeinen ins Spezielle. Ein Beispiel dafür liefert Aristoteles: „Alle Menschen sind sterblich. Ich bin Mensch, also bin ich sterblich.“

Im Geschäftskontext stellt folgender Gedankenstrang ein Beispiel dar: Wenn der Kunde vertrauen in das Unternehmen besitzt, dass das Produkt seinen Anforderungen gerecht wird, dann kauft er das Produkt. Das Unternehmen sollte das Vertrauen vom Kunden gewinnen.

Loggo Birne

Das Gegenstück zum Rationalismus ist der Empirismus. Der Empirismus besagt, dass wahre Erkenntnis nur durch Empirie und mit den Sinnesorganen geschaffen werden kann. Im Controlling sagen wir: Erkenntnis kann nur durch Messung entstehen. Der Empirismus schließt vom Speziellen ins Allgemeine (induktiver Schluss). Ein Beispiel dafür ist der Umsatz. Der Umsatz kann gestiegen sein. Deswegen geht es mit dem Unternehmen gerade gut voran. Ein weiteres Beispiel stellen Schwäne dar. Ich habe im meinem Leben nur weiße Schwäne gesehen. Das heißt es gibt nur weiße Schwäne.

Schwarzer Schwan

Dieses Beispiel zeigt gut die Lücken des Empirismus auf. Auch wenn ich nur weiße Schwäne gesehen habe, gibt es dennoch schwarze Schwäne. Der Empirismus verpflichtet also zum ständigen Suchen des Schwarzen Schwans im positiven wie im negativen Sinne. 

Kant liefert einen Ansatz, der die beiden Positionen – den Rationalismus und den Empirismus – miteinander vereint. Kant bezeichnet seinen Ansatz selbst als die kopernikanische Wende der Philosophie.

Kopernikus zeichnete die Abkehr vom geozentrischen Weltbild und entdeckte, dass sich die Erde um die Sonne bewegt (Kopernikanische Wende).

Immanuel Kant

Der kommende Abschnitt ist leider etwas komplizierter. Wichtig ist: Egal welche Form des Controllings sie betreiben, sie müssen diese immer hinterfragen und dürfen sie nicht absolut stellen. Wir sind durch unsere Mittel beschränkt. Die Mittel sind unsere Sinnesorgane, Zahlen beziehungsweise unsere Wahrnehmung. Die Geschäftswelt, wie sie durch ihr Controlling erfasst wird, stellt nur einen Ausschnitt der Realität dar.

So sieht Kant die Erkenntnis als Folge der Symbiose von Empirie und Verstand. Diese neue Philosophie heißt Transzendentalphilosophie. Dabei geht es bei Kant nicht mehr um die absolute Wahrheit. Nicht die Erkenntnis richtet sich nach den Dingen, sondern die Dinge richten sich nach der Erkenntnis. Die Welt wie sie ist, können wir gar nicht wahrnehmen. Wir haben gewisse Filter die jede Erkenntnis oder Erfahrung durchläuft. Der Filter sind Strukturen unseres Geistes und unserer Sinnesorgane. Wir sehen die Welt also nur durch einen Filter und eine gewisse Perspektive. „Der Mensch ist der Maßstab aller Dinge.“ sagte dazu schon Protagoras. Da aber unser Filter der gleiche bleibt, können wir zur Erkenntnis kommen. Daraus schließt Kant, dass wir nur durch die Summe von Verstand und Empirie Erkenntnisse über die Welt gewinnen, wie sie sich uns darstellt.

Gutes Controlling heißt auch das eigene Controlling mit dem (gesunden Menschen-) Verstand zu hinterfragen.

Gehen wir aber noch einmal einen Schritt zurück – hin zum Managementkreislauf. Kant unterscheidet zwei Urteile: Urteil a posteriori (Urteile aus Erfahrung), Urteile a priori (Urteile vor der Erfahrung). In der Unternehmenswelt gibt es viele Urteile ohne Erfahrung. Das ist ja das Prinzip von Management: Entscheidungen in Unsicherheit und auf der Basis von fehlenden Informationen. Wichtig ist dabei der ständige Prozess des Controllings, um die Entscheidungsqualität zu prüfen.

Doch wie setzt man jetzt das Controlling praktisch um. Halten sie sich an den Kreislauf aus qualitativen und quantitativen Analyse, Planung, Implementierung und Controlling. Der Controlling-Teil stellt die Empirie für ihre Hypothesen, das heißt, die Überprüfung Ihrer Planung und Ihres Geschäftsmodells, dar. In der Wissenschaft unterscheidet man in zwei Arten der Empirie: Qualitative und quantitative Methoden.

Umgangssprachlich nennt man qualitative Analyse auch gesunden Menschenverstand, während quantitative Analysen Messungen genant werden. Allerdings versuchen wir im Controlling auch qualitative Methoden in Messungen zu überführen. Wir befragen Kunden zum Beispiel nach dem Kundenerlebnis und versuchen dies mit einer Skala von einem bis fünf Sternen zu messen.

Peter Saubert

Unternehmensberater

Quantitative Methoden sind numerische Daten. Das sind ihre KPIs (Key Performance Indicators) bzw. Schlüsselkennzahlen. Das kann Umsatz, durchschnittlicher Kundenumsatz und vieles Weiteres sein. Wichtig ist es sich auf ein paar wenige KPIs zu fokussieren, die Ihr Geschäftsmodell wirklich abbilden. Sie bilden damit nur ein unvollständiges Abbild der Realität Ihres Unternehmens dar. Man kann aber nicht auf zu viele Größen gleichzeitig optimieren. Es ist bei der Planung sinnvoll, dass Ziele definiert werden, die in Teilziele unterteilt werden. 

Auge

Das heißt, wenn sie ihren Gewinn steigern wollen, dann können sie ihren Umsatz optimieren, aber auch ihre Kosten. Behalten sie also die beiden Größen beim Controlling im Blick.

Wenn sie die Kundenbindung optimieren wollen, dann ist eines ihrer Teilziele die Kundenzufriedenheit zu steigern. Eine KPI, die einen Indikator für die Kundenzufriedenheit darstellt ist die Retourenquote. Aber wenn der Kunde das Produkt nicht retourniert, weil es zu aufwendig ist, dann meinen sie eben nur, einen zufriedenen Kunden zu haben.

Graffiti Albert Einstein

Um solche Fehlschlüsse zu vermeiden gibt es qualitative Methoden in der Wissenschaft. Viele Unternehmen denken bei dem Controlling gar nicht an eine Befragung der Kunden. Qualitative Empirie ist die systematische Erhebung und Interpretation nicht-numerischer Daten, um Meinungen, Motive und Einstellungen zu verstehen und neue Hypothesen zu entwickeln. Nach unserer Erfahrung ist ein Gespräch vom Unternehmer mit Kunden oft viel produktiver, als viele Planungen im stillen Kämmerchen.

Unternehmer-Magazin für kleine und mittelständische Unternehmen

Unsere Kommunikation
Unternehmensgründung
Magazin
Gute Unternehmensführung
Gesellschaft
Zurück 1 2 Weiter
Zurück 1 2 3 4 Weiter
Zurück 1 2 Weiter
Zurück 1 2 Weiter